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Dienstag, 7. September 2010

Die Fischer von Mumbai

Von Dingen, die mich neben Gotteshäusern und Wildlife auch noch interessieren, will ich heute berichten. Heute Nachmittag bin ich den Fischen nach gegangen, die wir so gern frisch auf dem Teller haben. Nicht weit von Andheri, irgendwo an der Küste mitten in der Millionenstadt Mumbai liegt Versova-Village. Um vier Uhr Nachmittags kommen dort die Fischerboote mit ihren Fängen zurück. Die meisten erst nach mehreren Tagen. Am Sandstrand werden die Fische entladen, sortiert und auf Eis gelegt. Über viele Hände (und Händler) gelangen sie dann in die Stadt, wo sie am gleichen Abend verkauft werden. In den feinen Netzen bleibt fast alles hängen: Bombay-Duck, Makrelen, Sol, Crevetten, Krebse, Langusten, Aale, Brassen, Tintenfische, auch Stingrays und Katzenhaie. Der Beifang wird nicht wie anderswo zurück ins Meer geworfen, sondern zu Düngemittel verarbeitet. Was nicht frisch verkauft werden kann, wird an haushohen Bambusgestängen aufgehängt und getrocknet. Thunfisch (siehe Bild oben) wird filettiert, gesalzen und dann getrocknet.

Ich konnte auch eine Eisfabrik besichtigen. In einer grossen Halle werden 200kg-Blöcke gefroren, offen auf Lastwagen verladen und zum Kunden gebracht. Vor Ort wird der Eisblock geschreddert (die Maschine sieht etwa aus wie ein kleiner Betonmischer) und in Säcke abgefüllt. Diese tropfenden, schweren Säcke werden von kräftigen Männern geschultert und an den Sandstrand hinunter getragen. Die Firma produziert auch kleinere Eisblöcke. Die werden in grobe Tücher eingewickelt und meist per Velo verteilt. Zahlreiche kleine Strassenhändler sind auf dieses Eis angewiesen. Das ist just dieses Eis, vor dem die Reiseführer warnen.

Samstag, 4. September 2010

Navi Mumbai

An die Menschenmassen muss man sich erst einmal gewöhnen. Die Bilder von überfüllten Zügen und dem Chaos auf den Strassen sind uns vertraut. Man blickt kaum in irgendeine Richtung, ohne gleichzeitig Dutzende Menschen im Blick zu haben und Hunderte im Hintergrund wahrzunehmen. Das enge Zusammenleben führt zu Parallelgesellschaften einerseits und einer hohen Toleranz andererseits. Beides sind wichtige Aspekte der indischen Kultur.
In Mumbai leben besonders viele Menschen. Auf dem Stadtgebiet 14 Mio, in Greater Mumbai sind es etwa doppelt so viele. Damit ist Mumbai etwa die viertgrösste City der Welt. Vor 25 Jahren begann man mit dem Bau von Navi Mumbai. Auf dem ehemals salzigen Marschland zwischen Mumbai und Thane werden seither breite Strassen gebaut, moderne Hochhäuser, Parks, Eisenbahnstationen, Malls und jetzt neu auch ein zweiter airport errichtet. Navi Mumbai zählt mittlerweile fast 2 Mio Einwohner, vorwiegend aus der Mittelschicht. In der Mitte entsteht nach dem Vorbild von Manhatten ein Centralpark, natürlich grösser als das Vorbild. Daneben liegt der Golfplatz.
Es ist die grösste geplante Stadt Asiens. Die Unterschiede zu Chandigarh (siehe jenen blog) sind interessant. Während im nördlich von Delhi nur zwei- und dreistöckig gebaut wird, geht hier in die Höhe. Wie man mir sagt, fühlen sich die Nordinder eher in Pavillons mit Garten und Sonne wohl, während die Mumbai-people gern die Aussicht geniessen. Die Aussicht in Navi Mumbai ist prächtig: im Süden hinter dem Mangrovengürtel das Meer, im Norden grüne, unbewohnte Hügelketten. Wie in Chandigarh ist die Stadt in Sektoren von rund einem Quadratkilometer eingeteilt. Auf die streng rechtwinklige Struktur wird zum Glück verzichtet. Ein paar Stadtteile zusammen bilden einen Stadtteil.
Die Stadtplanung liegt seit 30 Jahren in den Händen eines staatlichen Unternehmens, das alles Land besitzt und an Investoren abgibt. Im Unterschied zu den meisten indischen Städten und Dörfern werden hier die Wohnungen vermietet. Natürlich wollte ich wissen, wie die Stadtplaner mit den Religionen umgehen. Werden die Tempel, Gurudhwaras, Moscheen und Kirchen auch eingeplant? Für sie ist ein eigener Sektor reserviert. So liegen die verschiedenen Gotteshäuser in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander.

Kirshna-Bewusstsein

Die traditionellen Glaubensformen in Indien sind in den letzten Jahrzehnten von drei amerikanisch inspirierten Gruppen bereichert worden.
1897 starb Ramakrishna. Durch den legendären Auftritt seines Schülers Vivekananda an der Welt-Religionskonferenz in Chigaco 1893 wurde die Lehre von Ramakrishna weltweit bekannt. Sie zeichnet sich durch eine hohe Religionstoleranz aus. Die Zugehörigkeit zu einer Kaste, Rasse, Nation, Religion spielt in der Ramakrishnamission keine Rolle. Jeder Mensch ist eine Manifestation des Göttlichen. Während sich die Ramakrishnamission auf die Sozial- und Bildungsarbeit innerhalb der Bevölkerung konzentriert, umfasst der Ramakrishnaorden eine Mönchsgemeinschaft.
Im Westen ebenfalls sehr bekannt ist Osho (zuerst wurde er Acharja Rajneesh, dann Baghwan Shree Rajneesh, und zuletzt Osho genannt). Er war Philosophieprofessor mit einer offenbar immensen Ausstrahlung. Seine Schüler formierten sich zu den Sannyasins, zogen sich orange Kleider an und lebten eine freie Sexualität. Der hochgescheite Lehrer konnte sich der Dynamik seiner Anhängerschaft und eigenen Schwächen (Sammlung von Roll-Royces) nicht immer entziehen. Nach zahlreichen Umformulierungen (z.B. wurde die freie Sexualität nach der Entdeckung von AIDS aufgegeben) und Gerichtsprozessen verlor die Bewegung an Bedeutung. Sie hatte viele Menschen geprägt, so z.B. Peter Sloterdijk.
Auf einem Höhepunkt befindet sich derzeit ISKCOM, die internationale Gesellschaft zur Förderung des Krishnabewusstseins. Sie betreibt in vielen Grossstädten grosse Zentren mit Schulen, sozialen Einrichtungen, Tempeln und bietet fröhliche Feste für die ganze Bevölkerung an. Bekannt ist ihr Gebetsruf "Hare Krishna Rama Krishna". Die Lehre wirkt sehr "reformiert". Sie ist sehr tolerant und hält auch andere religiösen Überzeugungen hoch. Swami Pradhupada war der Ansicht, dass wir uns nicht mit "Mittelsgottheiten" aufhalten sollen, sondern direkt zum göttlichen Bewusstsein gelangen können. 1965 setzte er sich in New York in einen Park und begann, Hare-Kirshna-Songs zu chanten. Er fand recht bald Anghänger, mit denen er die ISKCON gründete. Von den USA gelangt der Hinduismus wieder zurück nach Indien.
Diese drei religiösen Richtungen wirken in Indien ein bisschen fremd, halt amerikanisch. Ihnen ist aber zu verdanken, dass die alten Weisheiten aus den heiligen Schriften wieder neu formuliert und ausgelebt werden (z.B. der poppige Hare-Krishna-Song im Film Easy Rider). Der Hinduismus erfährt eine Art Erweckung oder Spiritualisierung. Allerdings bleibt dabei manches auf der Strecke, was den Indern lieb und heilig ist: schummrige Tempel, abenteuerliche Wallfahrten, Verbundenheit mit der Natur durch heilige Pflanzen und Tiere..
Die langfristig wichtigste Entwicklung ist meiner Meinung nach jedoch die Individualisierung des Glaubens. Die traditionellen Religionen Indiens denken in Familienstrukturen. Die indischen Sprachen kennen für jede einzelne Verwandtschaftsbeziehung ein spezielles Wort. Der einzelne Mensch ist in seiner Familie geborgen und verzichtet dafür auf viel Freiheit. Das bezieht sich nicht nur auf die Wahl des Ehepartners, sondern auch auf die Religion. Die "westlichen" Formen des Hinduismus sprechen hingegen nur den Einzelnen an.

Donnerstag, 2. September 2010

Geburtstag von Lord Krishna


Gerade noch rechtzeitig bin ich zu den "hinduistischen Weihnachten" zurück nach Mumbai gekommen. Heuer ist das der 2. September (alle indischen Religionen orientieren sich an den "Monden") . Parvish und sein Feund Goldy, beide Hindu, führen mich an das grösste Gokulashtami-Festival von Mumbai. Es findet im Rama-Krishna-Hare-Krishna Tempelkomplex der ISKCOM statt. Stundenlang wird dort musiziert, getanzt und Kirshna angerufen. Die Hare-Kirshna-Songs tönen seit den Beatles sehr poppig.
Am Tag findet das Dahi Mandi statt. Weil das Kind Krishna (zu) viel Milch und Sahne naschte, hängte seine Mutter den Topf an einer Leine in die Höhe. Kirshna organisierte seine Freunde. Mit einer Menschenpyramide überwanden die Kinder die Höhe und konnten sich die Sahne holen.
An manchen Plätzen wird ein Topf aufgehängt, in dem sich ein stattlicher Geldbetrag befindet. Teams ("govinda") von jungen Männern und Frauen fahren von Ort zu Ort und versuchen, den Topf aufzuschlagen. Haben sie erfolg, dann ergiesst sich zuerst Buttermilch über das ganze Team (die Teamarbeit wird gesegnet), das Geld ist ihnen. Einzelne Töpfe hängen recht hoch (3. bis 4. Stockwerk) und einzelne Teams trainieren viele Wochen lang. Das Ganze wird mit lauter Musik aus Mega-Lautsprecher-Anlagen untermauert. Die Teams fahren auf originellen Fahrzeugen (dekorierte Lastwagen, Motorräder oder verrostete Velos) von Ort zu Ort.
Der eigentlich religiöse Brauch wird von politischer Seite unterstützt - oder für eigene Propaganda missbraucht - wie man's nimmt. Ich war an zwei prominenten Plätzen, die beide von der Congress-party dominiert waren. Ein muslimischer (!) Geschäftsmann hat dieses Jahr einen Topf mit Rs 555'555 (ca. 12'000 SFr.) aufgehängt.
Geht es nach dem Willen einiger Kommentatoren, wird "Govinda" zur olympischen Sportart erklärt. Dann tritt die Religion noch weiter zurück.

Mittwoch, 25. August 2010

zweiter Teil des Indienaufenthaltes

Ich habe mein Visum-Problem lösen können. Die falsche Beratung durch die Botschaft (und meine Naivität, das nicht zu merken) hat mich einen Monat Aufenthalt in Indien und zwei Interkontinentalflüge gekostet. Das ist aber nicht so schlimm, weil ich dadurch von den Überschwemmungen und Erdrutschen verschont worden bin. Göttliche Vorsehung? Vermutlich schon. Die vier Wochen in der Schweiz waren auch sehr schön: Familie, Inline-Skaten am und Segeln auf dem Bodensee, Tauchen in der Verzasca, der Geburtstag von Cynthia...
Die Arbeit am Sabbatical-Report konnte ich in der Schweiz weiterführen: Umstellung auf einen leistungsfähigeren Laptop, Sichtung des Materials, schriftliche Fassung und Übersetzungen der Interviews, Konzept des DVD-Reports.
Anfang September fliege ich wieder nach Indien. Von Mumbai aus werde ich Pune (religiöse Festwoche), Goa (Zusammenarbeit des forest departments mit christlichen Kirchen) und vielleicht noch Cochin besuchen.
Im Oktober kommt meine Familie nach: Mumbai, Khajuraho, Taj-Mahal, wild-life, Delhi, Bharatpur, Mumbai

Dienstag, 24. August 2010

Dietrich Bonhoeffer, Karl Barth und Mahatma Gandhi


ein Text von Dr. Cornelia Vogelsanger:

Mickey Mouse träumt vom indischen Bruder - Bonhoeffer und Gandhi

Sie haben einander nie getroffen, Bonhoeffer und Gandhi. Doch Bonhoeffer träumte jahrelang davon, nach Indien zu fahren und Gandhi persönlich zu begegnen. Von Cornelia Vogelsanger

Von seiner Sehnsucht nach anderen Welten schrieb der 26-jährige Bonhoeffer an seinen Schweizer Theologenfreund Erwin Sutz: «[…] dass es mich irrsinnig wieder herauszieht, diesmal nach dem Osten […]. Es muss noch andere Menschen auf der Erde geben, solche, die mehr wissen und können als wir. Und es ist einfach banausenhaft, dann nicht auch dorthin lernen zu gehen.»

Dreimal hat Bonhoeffer eine Reise nach dem Osten, nach Indien, geplant - und hat es zeitlebens bedauert, nie in diesem Lande angekommen zu sein. Das dritte Mal, 1934, stand er bereits im Briefwechsel mit Gandhi. Sein englischer Freund George Bell, der Bischof von Chichester, hatte den Kontakt vermittelt. Bonhoeffer wollte «sechs Monate oder länger» mit Gandhi verbringen und von ihm persönlich gewaltlosen Widerstand lernen, denn die Situation in Deutschland spitzte sich seit 1933 bedrohlich zu. Der Hindu Gandhi (für den Jesus einer der grössten Menschheitslehrer und die Bergpredigt eine Anweisung zum wahren Leben war) lud den jungen evangelischen Theologen in einem freundlichen Brief ein, das Leben im Ashram zu teilen, bei vegetarischer Kost. Wie viel Geld er in Indien benötigen würde, rechnete Gandhi dem Gast aus Deutschland in seiner sorgfältigen, genauen Art aus, und er machte ihn auch aufmerksam, dass er, Gandhi, sich möglicherweise während der Dauer seines Besuchs gar nicht im Ashram beenden könnte, sondern, einmal mehr, im Gefängnis.

Dass es nicht zu dieser Begegnung kam, lag dann aber nicht an der englischen Kolonialregierung, sondern an den dramatischen Entwicklungen in Deutschland. Und es lag mindestens teilweise an deutschen Theologen, die Bonhoeffer absichtlich beschäftigt hielten, um seine Indienreise zu verhindern. Dass Bonhoeffer von einem Hindu Friedensarbeit lernen wollte, löste Kopfschütteln unter manchen seiner Kollegen aus. Auch Karl Barth äusserte sich ablehnend über Bonhoeffers Plan: Er habe die «seltsame Nachricht» erhalten, Bonhoeffer beabsichtige nach Indien zu gehen, «um sich bei Gandhi oder einem anderen dortigen Gottesfreund irgendeine geistige Technik anzueignen». (Bonhoeffer seinerseits hatte sich, bei aller bleibenden Bewunderung für Barth, schon Jahre zuvor nachdenklich gefragt: «Ob Barth je im Ausland war?» Denn es war ihm aufgefallen, dass die Erfahrung einer anderen Kultur sich auch auf die eigene Theologie auswirken konnte.)

Wer hatte dem jungen Dietrich Bonhoeffer diese Indiensehnsucht ins Herz gepflanzt? Es war eine bemerkenswerte alte Dame, die ihm sehr nahe stand: seine Grossmutter Julie Bonhoeffer-Tafel.

Bei ihr wohnte er in seiner Studienzeit in Tübingen und in ihren späten Jahren lebte sie in Bonhoeffers Elternhaus in Berlin. Von ihr ist vor allem eine Begebenheit bekannt: wie sie als Ein­undneunzigjährige 1933 den Nazi-Boykott jüdischer Geschäfte durchbrach, indem sie aufrecht durch eine Sperre von SA-Männern schritt, um ein jüdisches Warenhaus zu betreten. Weniger bekannt ist ihre Herkunft aus einer Familie mit besonderem spirituellem Hintergrund: Ihr Onkel Immanuel Tafel, der ursprünglich als lutherischer Theologe ausgebildet war, übernahm nie ein Pfarramt in der Kirche, sondern schloss sich der Lehre des schwedischen Visionärs Emanuel Swedenborg (die u.a. die Reinkarnation kennt) an und übersetzte die theologischen Werke Swedenborgs aus dem Lateinischen. Von Tafel selbst, der in Stuttgart einen philosophischen Lehrstuhl innehatte, stammt der Entwurf einer Friedenstheologie mit ökumenischer Ausrichtung, und 1851 publizierte er in Tübingen ein Pamphlet, in dem er evangelische Christen dazu aufrief, Glaubens- und Bekenntnisfreiheit zu fordern («Die Unsicherheit und Verderblichkeit des Bekenntniszwangs: Aufforderung an sämtliche Protestanten, zu protestieren gegen jede menschliche Vorschrift in Glaubenssachen …»). Auch wenn Julie Bonhoeffer-Tafel selber nicht Swedenborg anhing, war sie von einem Milieu geprägt, in dem das Ringen um Wahrheit und freie Erkenntnis viel galt.

Mit Anteilnahme und nicht ohne Besorgnis verfolgte die Grossmutter, welches Tempo und Engagement, aber auch wel­cher Ehrgeiz ihren begabten Enkel im Theologiestudium antrieb. Mit 21 Jahren war Dietrich bereits promovierter Theologe - für eine Pfarrstelle freilich noch zu jung -, ein Senkrechtstarter, ein Überflieger. Er war in mancher Hinsicht von Haus aus privilegiert, und er wurde von seinen Professoren gefördert. Die Grossmutter war es, die ihm riet, nicht zu früh auf ein Geleise einzuspuren, sondern sich noch nach anderen Erfahrungen und Inspirationen umzusehen, «im Osten». Er hörte auf sie und be­mühte sich, Geld für eine Indienreise zu sparen.

Wäre 1930 ein Indien-Stipendium verfügbar gewesen, hätte er es sicher noch lieber akzeptiert als den Studienaufenthalt am Union Theological Seminary in New York, der sich ihm bot. Doch er machte aus jeder Gelegenheit, Neues aufzunehmen, das Beste: Als Vikar in der deutschen Gemeinde von Barcelona, als Stipendiat in Amerika suchte er aktiv den Kontakt mit Milieus und Gedankenwelten, die den Horizont seiner grossbürgerlich-aristokratischen Herkunft erweiterten, ihn unter anderem auch für Fragen des Rassismus und Kolonialismus sensibilisierten - und für die Ökumene. Mit derartigen Perspektiven war Bonhoeffer vielen deutschen Theologen seiner Zeit voraus, auch solchen, die sich eindeutig gegen Hitler wandten. Es war aber wohl gerade dieser weit gespannte Erfahrungshorizont, der Bonhoeffer befä­higte, früh zu erkennen und mit aussergewöhnlicher Entschiedenheit als Unrecht zu benennen, was mit den Juden geschah.

Zu jener Zeit (und noch Jahrzehnte darüber hinaus) war es durchaus üblich, von «Negern» und «Heiden» zu reden; auch Bonhoeffer benützte ohne diskriminierende Absicht solche Wörter. «Müssen wir uns von den Heiden beschämen lassen?», fragte er in einer Predigt im August 1934. Mit den «Heiden» meinte er Gandhi, den er bewunderte und von dem er lernen wollte.

Welch ein ungleiches Paar, äusserlich gesehen: der stattliche blonde Germane und der ältliche, gebeugte Inder mit den abstehenden Ohren und dem zahnlosen, unwiderstehlichen Lächeln! Der eine weltoffen und von seiner Herkunft her selbstbewusst, der andere als Angehöriger eines unterdrückten und gedemütigten Volkes mit vielen Unsicherheiten behaftet und zeitlebens schüchtern. Beide nahmen ihre Lebensaufgabe todernst und waren zum äussersten Opfer bereit - es wurde ihnen auch abgefordert. Beide wurden für ihre menschliche Warmherzigkeit und ihren Humor geliebt.

Gandhis Humor war von der indischen Art, freundlich und sanft, manchmal auch hintergründig. Auf die Frage, was er von der westlichen Zivilisation halte, antwortete er einmal trocken: «Die Idee ist gut!» Da spricht ein Angehöriger einer uralten Zivi­lisation, einer, der besser als die gegenwärtig Herrschenden weiss, was das bedeuten könnte: Zivilisation! Einer auch, der die Zwei auf seinem Rücken mit dem Gefühl innerer Überlegenheit trägt.

Der indische Sinn für Komik ist unbestechlich und macht auch vor den allgegenwärtigen Göttern nicht Halt; oft sind das fromme Andachtsbild und die Karikatur nicht zu unterscheiden. In dieser Kultur wohnen das Skurrile und das Heilige, das Er­habene und das Lächerliche, auch das Hässliche und das Schö­ne, das Schmutzige und das Reine sehr nahe beieinander. Damit hängt es vielleicht zusammen, dass man in Indien die Lächerlichkeit weniger zu fürchten scheint als anderswo. Auch einfache Menschen strahlen oft eine unangreifbare Würde aus, die sich nicht aus einem Status herleitet, nicht aus Besitz, nicht aus der äusseren Gestalt, sondern aus dem Menschsein an sich.

So sind auch seit bald hundert Jahren Karikaturen ausseror­dentlich beliebt, die Gandhi in seiner ganzen Unscheinbarkeit und Schrulligkeit vergegenwärtigen. Sie werden als Ausdruck der Liebe und Hochachtung verstanden (sogar im Internet habe ich über 100 Gandhi-Cartoons gefunden).

Eine Mitkämpferin Gandhis, die Schriftstellerin Sarojini Naidu, nannte ihn einmal «diesen Mickeymousemann», seiner abste­henden Ohren wegen. Das Bonmot machte die Runde, und zu Gandhis 70. Geburtstag veröffentlichte ein Karikaturist in der «Civil and Military Gazette» in Lahore einen Cartoon: Mickey, das amerikanische Original, stellt sich seinem indischen Dop­pelgänger vor; Gandhi als Double erscheint in einer Wolke oder Imaginationsblase, mit riesigen schwarzen Mausohren ausge­stattet. Von seiner Wolke herab lächelt der Mahatma und legt den Finger auf die Lippen. Mickeymouse schaut entgeistert auf diesen mysteriösen Verwandten.

Auch diese beiden: welch ein ungleiches, ja absurdes Paar! Natürlich ist mit Mickey nicht Bonhoeffer gemeint - aber passt der Cartoon nicht eigenartig gut zu den beiden Geistesverwand­ten, die von einander wussten, obwohl sie sich in der Realität nie trafen?

Gandhi-Mickeymouse legt die Finger auf die Lippen und ver­weist damit auf das Schweigen. Einen Tag pro Woche (Montag?) hat Gandhi konsequent geschwiegen, selbst in grossen Staatskri­sen blieben dann seine Lippen versiegelt; er tat seine Arbeit, sass am Spinnrad und am Schreibpult, hörte zu und schrieb Zettel. Dieses regelmässige Redefasten brauchte er, um für seine Aufga­be Kraft zu schöpfen. «Wenn man sich der Suche nach Wahrheit verschrieben hat», sagte er einmal, «muss ein Teil der spirituel­len Disziplin aus Schweigen bestehen.» Und ein anderes Mal: «Das Radio Gottes sendet immer, aber wir können seine Stimme nur im Schweigen hören.»

Hier fallen grosse Worte: «Wahrheit» und «Gott». Für Gandhi waren sie bedeutungsgleich. Er nannte seinen gewalt­freien Kampf «Satyagraha» - ein Begriff, den er aus zwei Sans­kritwörtern selber geprägt hatte und der sich als «Beharren auf der Wahrheit» übersetzen lässt. Beharrlich, aussergewöhnlich beharrlich bis zur Halsstarrigkeit war Gandhi von seiner Art her gewiss. Aber niemals glaubte er, im Besitz der Wahrheit zu sein, und so blieb er von Fanatismus frei. «Satyagraha» hiess für ihn vielmehr: die Suche nach der Wahrheit unter keinen Umständen aufzugeben. Seiner Autobiografie, in der er freimütig über seine Fehler und Irrtümer Rechenschaft ablegt, gab er den ungewöhnlichen Titel «Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit».

Wahrheit ist unverfügbar, allenfalls experimentell erfahrbar. Wahrheit ist göttlich. In der indischen Tradition findet sich der unerschütterliche Glaube, dass das Aussprechen der Wahrheit etwas bewirkt. (Mantras wirken, weil sie eine höhere Wahrheit enthalten. Die Veden gelten als in einem umfassenden Sinne wahr - weshalb sie nicht in die Hände von Unbefugten gehören.) Alle anderen Wirkungen haben ein Verfalldatum. Die Wahrheit bleibt. Gandhi lebte in dieser Gewissheit und starb in ihr.

Bei Diskussionen über Gandhi - oder gegenwärtig über Bonhoeffer - wird regelmässig dieselbe Frage aufgeworfen: «War er ein Heiliger?» Und ebenso regelmässig stehen kritische Zeitgenossen auf, die sich vehement dagegen wehren, dass man aus Gandhi, aus Bonhoeffer «Heilige mache». Sie waren gewiss Menschen mit ihren Widersprüchen, sie hatten und machten Fehler. Vollkommen waren sie keineswegs. Gandhi selbst hat sich gegen den Ehrentitel «Mahatma» (Grosse Seele) gewehrt, der ihm von Tagore angehängt wurde und den bei uns viele für seinen Vornamen halten. «Mahatma» evoziert tatsächlich Hei­ligkeit, Göttlichkeit. (In Indien reden die meisten Menschen von Gandhiji, was eine Mischung aus Zuneigung und Respekt zum Ausdruck bringt, oder von Bapu, «Vater».)

Aber was ist Heiligkeit? Ist Heiligkeit erhabene Perfektion? Oder verträgt sich Heiligkeit auch mit Mickey Mouse? Ich halte mich an eine Definition des Religionswissenschaftlers und evangelischen Erzbischofs Nathan Söderblom (er starb vor 75 Jahren - auch an ihn sollte man sich wieder einmal erinnern): «Heilige sind Menschen, durch die es den anderen leichter wird, an Gott zu glauben.»

Artikel aus: RL, Zeitschrift für Religionsunterricht und Lebenskunde, Nr. 1/06, TVZ

Zur Autorin: Dr. Cornelia Vogelsanger ist Ethnologin und Programmleiterin des Kulturhauses Helferei in Zürich

Kontakt: zelter@gmx.net; Tel. 044 261 53 11

link: http://www.bonhoeffer.ch/folder.2005-12-06.5656171031/mickey-mouse-traeumt-vom-indischen-bruder-bonhoeffer-und-gandhi


die Ismaeliten - eine besondere Muslimgruppe



Innerhalb des Islams bilden die Schiiten eine Minderheit. Im Unterschied zu den Sunniten kennen sie eine Nachfolge des Profeten Mohammed. Als erster "Imam" gilt Ali, der Schwiegersohn von Mohammed. Innerhalb der Schiiten gibt es wiederum eine Minderheit: die Ismaeliten. Historisch gehören zu dieser Gruppe u.a. die Drusen, Alewiten, Assassinen und Fatimiden. Ich habe in Mumbai die Aga-Khan-Gruppe kennen gelernt.
"Aga Khan" ist ein Titel, der Anfang 19. Jhd. vom Schah von Persien verliehen und von den Briten später bestätigt worden ist. Der dritte Aga-Khan vertrat Indien im Völkerbund. Der aktuelle, vierte Aga-Khan ist His Holiness Prince Karim Aga Kahn IV. Er wurde in der Schweiz geboren und lebt heute bei Paris. Seit dem Tod seines Vaters gilt er als 49. Imam, als direkter Nachkomme des Profeten. In seiner Jugend war Karim sehr sportlich und fuhr sogar an einer Ski-WM mit. Er studierte in Harvard. Er gehört zu den reichsten Personen weltweit. Er besitzt Hotels, Verlage, Edelsteinbergwerke usw. und ist wesentlicher Aktionär von Fiat und Lufthansa.
Seinen Besitz versteht er als Eigentum der Ismaeliten. Ich habe gelesen, dass sein "Aga Khan Development Network" weltweit das grösste private Hilfswerk sei. Im Fokus stehen Gesundheit, Bildung, Kultur und wirtschaftliche Entwicklung in Süd- und Zentralasien sowie in Ostafrika.
Die Ismaeliten stellen innerhalb des Islams einen sehr liberaler Flügel dar - vergleichbar mit den Schweizer Reformierten innerhalb des Christentums. Die Ismaeliten bekennen sich zur Religionstoleranz und üben eine "integrierte Sprache" ein. Sie formulieren ihre Glaubenssätze ohne Überheblichkeit gegenüber Andersgläubigen. Daran sollte sich auch unsere Theologie ein Beispiel nehmen!
Die Ismaeliten in Mumbai haben keine eigene Moschee. Sie nehmen zusammen mit anderen Muslimen am Freitagsgebet in einer der grossen Moscheen teil. Als eigenständige Gemeinschaftschaft betreiben sie ein grosses Zentrum für Jugendarbeit, Bildung, Weiterbildung und Sozialarbeit.
Das geistige Oberhaupt wurde mehrfach ausgezeichnet. HH Prince Aga-Khan wird in einem bekannten Song von Peter Sarstedt (Whrere do you go to my lovely?) in einer Liste von Promis aufgezählt.

Dienstag, 3. August 2010

Jainismus


Eine wichtige indische Religionsgemeinschaft ist im Westen kaum bekannt: die Jains. Ebenso wie der Buddhismus kann der Jainismus als eigenständige Religion bezeichnet werden, die wie der Buddhismus aus dem Hinduismus (Brahmismus) entwachsen ist. Die Bedeutung der Religionsgemeinschaft ist grösser, als es ihre numerische Grösse (4 Mio) ahnen lässt. Viele ganz reiche und einflussreiche Familien Indien sind Jains. Die Ethik der Jains ist sehr bekannt. Jains verpflichten sich, (1.) von Reichtum nicht zu sehr anghängig zu sein, (2.) absolute Gewaltlosigkeit auch gegenüber Tieren und (3.) Wahrhaftigkeit. Der zweite Punkt führt zu den Speiseverboten, die selbst in Indien zu Kopfschütteln und Spott führen. Jains verzichten nicht nur auf Fleisch, Fisch, Eier, Alkohol und Taback (wie Brahmanen, Parsen u.a. auch), sondern darüber hinaus auch auf Kaffee, Tee, starke Gewürze, Zwiebeln, Knoblauch und allen Gemüsen, die unter der Erde wachsen wie z.B. Kartoffeln. Viele Berufe sind den Jains verwehrt, so z.B. das Bauern, weil dabei Tiere getötet werden könnten. Manche Jains tragen ein Tüchlein vor Mund und Nase, damit ja nicht ein Mücklein verschluckt und getötet wird. Manche Jain-Mönche gehen sogar so weit, dass sie durchsichtig gekleidet, d.h. nackt sind.
Der Jainismus geht zurück auf Mahavir, der etwa zur Zeit von Buddha, also im 5. Jhd. v. Chr. lebte. Die Jains lehnen (im Prinzip) das Kastensystem ab und legen grossen Wert auf Reinheit. Die Tempel werden ständig blitz-blank geputzt, die lebendige Unordnung der Hindus ist ihnen fremd. Es gibt keine Götterfiguren, dafür die stereotypische Darstellung von Mahavir. Grosser Wert wird auf die innere Reinheit der eigenen Persönlichkeit gelegt.
Der mögliche Nachfolger von Josef Ackermann (Deutsche Bank) heisst Anush Jain...

Minderheiten

Schon seit Jahrhunderten wird der Umgang mit Minderheiten in Indien thematisiert. Die Bevölkerung zerfällt in Jatis (Familien, Sippen, Religionsgemeinschaften). Von denen die einen oben, andere in der Mehrheit und wieder andere am Rand der Gesellschaft stehen. Vor Jahrtausenden hatten sich die Arier südlich des Indus niedergelassen und die indische Kultur (Hindi als Sprache, Hindu als Religion und Kultur) begründet. Die Ureinwohner werden von diesen "Kasten" ausgegrenzt, weil sie eben "kastenlos" sind. Deren Nachkommen werden heute als "SC and ST" (scheduled casts and scheduled tribes) bezeichnet und profitieren vom Quotensystem. Vor den Engländern hatten Muslims vor allem den Norden mehrmals erobert und beherrscht. Ihre Nachkommen bilden heute die grösste indische Minderheit und profitieren ebenfalls vom Quotensystem.
Das Quotensystem wird von der Mittelschicht heftig kritisiert, wird von Politikern aber weiterhin ausgebaut. Sie sichern sich damit Stimmen aus den entsprechenden Gruppen. Das Quotensystem gilt für alles, was mit der öffentlichen Hand zusammen hängt: Schulen, Colleges, Universitäten, Verwaltung, Eisenbahn (die grösste Arbeitgeberin der Welt) usw - nicht aber das Militär. Das Quotensystem reserviert Plätze für Mitglieder der entsprechenden Minderheit. Weil aber der Bildungsgrad in vielen Minderheiten sehr viel tiefer als der Bevölkerungsdurchschnitt liegt, unterscheiden sich die Anforderungen. Während ein Collegeanwärter aus der städtischen Mittelschicht einen Durchschnitt von 95% (entspricht bei uns vielleicht dem Notenschnitt von 5.5) haben muss, reichen für einen "Quotenschüler" 60% (was klar ungenügend ist). Das Gleiche gilt für die Besetzung der Staatsstellen, inklusive Lehrkräfte. Das führt dazu, dass in Colleges zweierlei Lehrkräfte zusammenarbeiten: hoch qualifizierte und solche, die nicht einmal korrekt Englisch sprechen. Das Qualifikationssystem wird durch die Quotenregelung unterlaufen. Manche Schlamperei der Behörden mag durch "Quoten-Mitarbeiter" verursacht sein. Behördliche Schlamperei ist oft die Ursache von Leerläufen, Verschwendung, Fehlplanungen und regelmässig Unfällen mit Todesfolgen.
Langfristig führt die Quotenregelung zu einer Schwächung der öffentlich-rechtlichen Institutionen. Der privatwirtschaftliche Sektor (Schulen, Transportwesen, Spitäler, Sicherheit usw.) muss sich nicht um die Quoten kümmern und wird gestärkt, womit sich das linkspolitische Postulat der Minderheitenförderung selber die Quelle austrocknet, aus der sie schöpfen und verteilen will.
Der Australier Peter Singer legt in seiner Ethik dar, dass eine Minderheitenförderung durch Quoten nur dann berechtigt ist und zum Erfolg führt, wenn sie befristet ist. Die Lösung wären Gesetze mit Verfalldatum.

Montag, 26. Juli 2010

nicht nur Fortschritt


Letzte Woche flog ich in einem Flugzeug, das wohl jedes europaeische Flugzeug in Technik, Verarbeitung, Service und Sauberkeit uebertroffen hat. Die neue Metro in Delhi ist moderner als viele Transportmittel, die wir in der Schweiz kennen. Daneben gibt es aber immer noch das alte Indien. Zum Beispiel die Faehren. Mit der Faehre auf dem Bild bin ich am Sonntag gefahren. Wenn ich den Artikel in India Today vorher gelesen haette, waere ich vermutlich nicht eingestiegen. Fuer die Faehren gibt es in Indien keine Abnahmepruefung, keine Vorschriften ueber die maximale Passagierzahl und keine Standarts. Die Bootsfuehrer sind weder ausgebildet noch geprueft. Die Faehren werden mit allem beladen, was irgendwie raufkommt: Motorraeder, Kuehe, Schafe, Bueffel. Zusammen mit den Passieren stehen die eng nebeneinander gedraengt. Schwimmwesten, Signale und Seezeichen sind unbekannt, Rettungsdispositive und Wetterwarnungen gibt es nicht. Und jedes Jahr gibt es Havarien mit Toten. Da gibt es noch Entwicklungspotenzial.

Alte, Kranke, Behinderte, Kinder...


Vom unglaublichen oekonomische Aufschwung nicht erfasst werden viele Alte, Kranke, Behinderte und Kinder. Im Sinne von *gib uns unser taegliches Brot* muessen sie sich taeglich ums pure Ueberleben sorgen. Volkswirtschaftlich gesehen ist das Bevoelkerungswachstum in Indien einfach zu gross, groesser als das wirtschaftliche Wachstum. Es gibt aber auch in Indien staatliche und vor allem private Fuersorge, wenn auch auf einem sehr viel tieferen Niveau als in der Schweiz.
Die offizielle Armutsgrenze (poverty-line) liegt bei 20 Rupien pro Tag. In den Zeitungen wurde letzthin diskutiert, ob es moeglich ist, eine richtige Mahlzeit zum Preis von nur 40 Rupien zuzubereiten. Wer unterhalb der poverty-line ist, hat Anspruch auf einen Ausweis. Mit diesem kann er verbilligte Lebensmittel einkaufen und wird in den oeffentlichen Spitaelern (die allerdings keinen guten Ruf haben) kostenlos behandelt. Mein Gespraechspartner glaubt, dass die wenigsten der Zielgruppe ueberhaupt einen Ausweis beantragt haben. Die privaten Indien-internen Hilfswerke (NGO) sind sehr bedeutend und leisten enorme Arbeit. Sie sind oftmals mit religioesen Gruppen verbunden. Die social-trusts (Stiftungen) bauen Altersheime, betreiben Spitaeler, Schulen, leisten Katastrophenhilfe (z.B. Erdbeben in Gujarat vor ein paar Jahren) und Hungerhilfe fuer ganze Doerfer und Staedte. Die auslaendischen Hilfswerke sind heute in Indien ohne Bedeutung. Hingegen profitieren viele Regionen (z.B. Kerala und Punjab) von den Geldtransfers von Indern, die im Ausland arbeiten.
Fuer die Alten wird in erster Linie innerhalb der Familie gesorgt. Eine Pensionskasse gibt es nur fuer Staatsangestellte (z.B. die Indian Railways, welche die groesste Arbeitgeberin weltweit ist). Reiche schliessen Lebensversicherungen ab. Wer sich von der Familie losgesagt hat (z.B. Saddhus - Heilige), steht im Alter allein da. Mit etwas Glueck findet er Unterschlupf in einem Heim eines social-trusts, muss sich dann allerdings anpassen. Es gibt nicht wenige, die die Freiheit vorziehen. Zum saddhu-Sein gehoert ganz selbstverstaendlich das Betteln dazu. Inder sind sehr viel bescheidener als wir Europaeer.
Eine interessante Altersversorgung kennt der Staat Himachal Pradesh (im Norden, am Fuss der Himalaya-Kette). Wer sich dort weigert, die alte Mutter oder den alten Vater im eigenen Haushalt zu versorgen, zahlt 4000 Rupien/Monat an den Staat, der sich dann den Alten annimmt.

Sonntag, 25. Juli 2010

Visum-Probleme

Ich bin plötzlich mit Visum-Problemen konfrontiert. Die aktuelle Regelung sieht nur noch einen 90-tägigen Aufenthalt (bei halbjähriger Gültigkeit des Visums) und eine Wartefrist von 2 vollen Monaten bei einer Wiedereinreise vor. Als ich letztes Jahr meinen Aufenthalt mit der indischen Botschaft in Bern absprach, galt noch die alte Regelung. In der Zwischenzeit - quasi während mein Antrag in einem Couvert darauf wartete, eingereicht zu werden - wurden die Bestimmungen geändert. Mein Versehen, dass ich das nicht mitbekommen hatte. Ich wurde allerdings auch nicht darauf hingewiesen. Im Gegenteil: eine Mitarbeiterin der Visa-Erteilungsbehörde hatte sogar noch meine Flugdaten überprüft. Ich muss nun also entweder nach 90 Tagen ausreisen, was Mitte September wäre. Oder zwei Monate vor dem 4. Oktober ausreisen, damit ich mit meiner Familie die gebuchten zweieinhalb Wochen Ferien in Indien machen kann.
Nach vielen Stunden Diskussionen, Telefonaten und E-Mails mit Verantwortlichen in New Delhi, Mumbai und der indischen Botschaft zeichnet sich jetzt ein Kompromiss ab. Die Botschaft entschuldigt sich fuer die falsche Beratung und annuliert die Frist der Wiedereinreise. Das Visum allerdings laesst sich nicht modifieren.
Fuer mich bedeutet das einen Unterbruch meines Indienaufenthalts von fuenf Wochen. Ich fliege am 28. July in die Schweiz zurueck und kann fruehestens am 7. September wieder einreisen. Das ermoeglicht mit aber nochmals vier Wochen Recherchen und Fertigstellung des Reports in Indien, bevor ich mein Sabbatical mit der Familienreise abschliesse.

Samstag, 24. Juli 2010

Abfall - littering


Vor zwanzig Jahren gab es so etwas wie Abfall in Indien gar nicht. Alles wurde irgendwie wieder verwendet. Es gab genuegend arme Leute, die Abfall sammelten und irgendeiner Wiederverwertung zufuehrten. Selbst Kuhdung wurde getrocknet und als Brennmaterial verwendet. Was man nicht brauchte, wurde einfach fallen gelassen. Heute ist das anders. Der Abfall stinkt und stoert. Das Wiederverwerten ist zum Teil schwieriger geworden. Zum Beispiel Plastiktueten. Noch bevor die eingesammelt werden koennen, werden sie vom Wind weggetragen, vom Regen weggespuelt oder von hungrigen Tieren gefressen. Das fuehrt zur Verstopfung der Kanalisation (Monsunregen!) und zum Tod von Kuehen. Naturschuetzer laufen seit Jahren Sturm gegen das Verwenden von Plastiktueten.
Die Zeiten aendern sich auch hier. In Gurgaon, einer Stadt im Sueden von New Delhi, wird ab naechster Woche die Abfall-Tour eingefuehrt. Ein Team von Leuten geht von Haus zu Haus und sammelt mit Hilfe von Kleinlastern den Abfall ein - zweimal taeglich! Auf die hohe Frequenz ist die Regierung stolz. In London wuerde der Abfall nur zweimal die Woche abgeholt. Wie ist das in Schaffhausen?
Dank billiger Arbeitskraefte ist das Sortieren, Auftrennen, Kompostieren usw. kein Problem. So uebertrifft Indien innert weniger Jahrzehnte die westlichen Standarts. Gesellschaftliche Entwicklungen laufen hier sehr rasch ab. Die Abfalltour in Gurgaon wurde innert weniger Monaten realisiert, inklusive Versuchsphasen in einzelnen Quartieren.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Kunsthandwerk

Indien ist ein Paradies für Leute, die gern schöne Sachen einkaufen. Im Vergleich zur meist recht hohen Qualität sind die Preise sehr tief. Im riesigen Indien wird sehr viel lokales Kunsthandwerk produziert und angeboten: Silberschmuck, bestickte Seidentücher, geschnitzte Figuren aus Marmor oder Holz, gegossene aus Bronce, Silber oder Gold, Inlay-Arbeiten mit Halbedelsteinen, Shawls, traditionelle Hemden, Sarees und Punjabi, Ketten, dancing Shiva, Buddhas usw. usw. usw.
Etwas ganz spezielles (und seltenes) sind die Dokra-Figuren. Für mich das einzige, wofür ich mich überhaupt noch umdrehe. Sie werden vom Santhal-Stamm, der in den Wäldern von Orissa lebt, in einer speziellen Technik (lost wax process) hergestellt. Jede Figur ist einmalig, weil die Gussform bei der Herstellung zerstört wird. Die Leute formen zunächst die Figur aus Lehm. Nachdem der Lehm getrocknet ist, stellen sie aus Bienenwachs und Rosinen Wachsfäden her, die sie auf den glattgeschliffenen Lehmkern auftragen. Dieses Wachsmodell wird dann sorgfältig in Lehm eingepackt, wobei mit weiteren Wachsfäden Kanäle nach oben freigehalten werden. In einem separaten Gefäss wird Altmetall geschmolzen. Dieses wird dann in die Form eingegossen. Das Wachs verdampft, das Metall breitet sich im Hohlraum aus. Nach dem Abkühlen wird die Form zerschlagen, das Unikat wird gereinigt und gebürstet. Das ist eine grobe Übersicht über den Herstellungsprozess, die einzelnen Schritte sind viel komplizierter.
Das Verfahren der "verlorenen Form" war vor allem in der Steinzeit weit verbreitet. Heute wird es vor allem in der Kunst verwendet. Die Kühlerfiguren von Rolls-Roycs werden auch im "lost wax process" hergestellt. (siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Wachsausschmelzverfahren)

Mittwoch, 21. Juli 2010

Reformationen im Hinduismus?


Wer sich mit Religionswissenschaft auseinder setzt, kann in der Geschichte einer Religion Epochen von Reformationsbestrebungen ausmachen. Deutlich wird das im Christentum. Im 15. Jhd. wurden verschiedene Missstände offen angesprochen und korrigiert: zu grosse Macht der Priester, Aberglaube unter dem Volk, geldgierige Mönche, veraltete Sprache, Übernahme der weltlichen Machtstrukturen, geringes Arbeitsethos usw. Diese Kritik hatte einerseits zur Bildung der reformierten Kirchen, andererseits zum innerkatholischen Konzil von Trient geführt. Im Christentum gab es auch andere Reformationsbestrebungen, so etwa die Bettelorden (Franziskaner) im 13. Jhd., der Pietismus im 19. Jhd. usw.
In den Hindu-Religionen sind auch eine Menge Missstände festgestellt worden. Man kann eine ganze Reihe von indischen Religion als Reformen innerhalb des Hinduismus verstehen. So hatte sich Buddha gegen das Kastensystem und gegen religiösen Extremismus (wie z.B. Asketismus) ausgesprochen. Seine Kritik und seine Anhänger wurden später vom Hinduismus abgetrennt, quasi als neue Kaste. Ähnliches kann man über den Jainismus, die Sikhs und die Ramakrishna-Mission aussagen. Die letzten beiden lehnen das (vererbbare) Priestertum, die Bilderverehrung, die Wallfahrten usw. ab. Und sie bekämpfen den Bettel mit Verboten und Armenküchen. Wie damals die Reformierten in Zürich und Genf! Wie weit die Religiosität der Hindus bereit ist, sich selber zu reformieren, wird sich noch zeigen müssen. Als grösste Missstände gelten bei fast allen aufgeklärten Hindus die Sati (Witwenverbrennung), Devadasi (Tempelprostitution), casts (Kastensystem). Über anderes mag man eher diskutieren: schlecht ausgebildetete Pandits (Priester), Exremformen der Gläubigkeit, Verbindung von Bettel und Religiosität, Verbindung von Reichtum und Macht mit Tempelneubauten, Verpolitisierung von Religion usw.

der heilige Fluss Ganga

Die Religiosität der Hindus ist sehr naturverbunden. Wasser, Feuer, Blumen, Steine usw. spielen eine grosse Rolle. In einem eher trockenen Land, das nicht so fein mit Quellen, Flüssen und Seen durchzogen ist wie die Schweiz, kommt den Flüssen eine grosse Bedeutung zu. Der Ganges ist die Mutter schlechthin. Sie fliesst träge und majestätisch quer durch Nordindien. Bekannt unter Touristen ist Varanasi, das alte Benares, wo vor 2500 Jahren Buddha seine Erleuchtung hatte. Mindestens so beliebt unter Indern ist Haridhware, wo zwei weitere Flüsse mit der Ganga zusammen fliessen. Wir waren dort und haben die Stimmung genossen. Während der Monsunzeit finden die Wallfahrten statt. Am Morgen nehmen die Hindus ein Bad, tagsüber finden Zeremonien, Shopping usw. statt und jeden Abend gibt es dann eine gemeinsame Puja (Gottesdienst) am Fluss. Da stehen Tausende von Menschen im und am Wasser, singen, beten, verneigen sich und lassen zum Schluss Kerzen auf Blattkörbchen auf dem Wasser treiben. Wir waren genau zur richtigen Zeit am richten Ort. Es regnete sehr stark, alle und alles war tropfnass. Und wir standen auf einer Brücke und hatten eine gute Übersicht über die verschiedenen Gaths (Terrassen zum Fluss hin), Tempel, Gottesbildnisse usw. Uns Schweizer befremdet, dass die Inder das braune Wasser verehren, darin baden und es in Kanistern nach Hause tragen. Wir sind uns klares Wasser gewohnt. Klares Wasser in der Menge, dass man darin baden kann, ist in Indien sehr selten. Gestört hat uns in Haridhware die Bettelei. Sie beginnt bei den Kindern und Behinderten auf der Strasse, zieht sich über die Sadhus (Heilige) und Pandits (Priester) bis hin zu offiziellen Mitgliedern eines Trusts, die mit Quittungsblöcken Spenden einkassieren.

Samstag, 17. Juli 2010

Jesus in Indien

Nun will ich von einer ziemlich schrägen Theorie berichten. Als Autoren zeichnen Holger Kersten, Andreas Faber-Kaiser, Kurt Berna, Notovitch und F.M. Hassnain. Ich beziehe mich auf letzteren. Jesus soll in Indien gewesen sein - und das gleich zweimal. Mit dem ersten Mal werden die "fehlenden Jahre" erklärt. In den vier bekannten Testamenten (und auch in den Apokryphen) finden wir keine Hinweise darauf, was Jesus in den Jahren vor seiner Taufe gemacht hat. Das mag erstaunen, wenn man die Evangelien als Biografien liest (sind sie aber nicht - auch das Aussehen von Jesus wird nicht beschrieben). Tatsächlich könnte Jesus in diesen Jahren mit persischem und buddhistischem Gedankengut in Berührung gekommen sein. Und warum nicht auf einer Reise dorthin? Oder ein paar Jahre dort gelebt und sogar gelehrt haben? Wenn das wirklich der Fall gewesen sein soll, dann finden wir allerdings überraschend wenig östliche Gedanken in seinen Predigten und Gleichnissen.
Origineller ist die Vorstellung einer zweiten Indienreise von Jesus. Nach dieser Theorie hätte Jesus die Kreuzigung überlebt (die Argumente hierfür sind durchaus plausibel) und wäre nachher in Richtung Osten in Sicherheit gebracht worden. In Srinagar wird seit Alters her das Grab eines Yuzu Asaph verehrt. Die Beweislage ist aber eher schmal. Der Name muss mit Jesus aus Nazareth gleichgesetzt werden (und dazu kommt noch, dass Jesus ein häufiger Name war), die Archäologie vor Ort ist mit vielen Veränderungen in den letzten 2000 Jahren konfrontiert. Was man dort alles gefunden haben will, von Kreuzen bis hin zu Fussabdrücken mit Wundmalen, kann auch aus späterer Zeit stammen. Das Grab zieht aber viele Touristen an, von denen sich ein paar offenbar nicht sehr pietätvoll aufführen. Deswegen ist der Zugang zum Grab diesen Frühling für Auswärtige verwehrt worden. Vielleicht komme ich ja trotzdem irgendwie hin.

neue Hindu-Tempel


Die alten Hindutempel gehören zum Stadt- resp. Dorfbild. Das fängt bei kapellenartigen Gebetsräumen an und reicht bis zu riesigen Anlagen mit Gärten, Schulen und Verwaltung. In jeder Stadt sind mir prunkvolle Neubauten aus den letzten 15 Jahren aufgefallen. Mit dem Bevölkerungswachstum allein ist das wohl zu erklären.
Ich habe mich eingelesen und herausgefunden, dass das Stiften eines Tempels für einen Hindu eine verdienstvolle Aufgabe ist. Der Ort, wo Gott angebetet wird (der Hinduismus versteht sich heute monotheistisch, die Gottheiten werden als verschiedene Ausdrucksformen gedeutet), soll so schön, sauber, ruhig und prunkvoll sein wie das eigene Haus. Da es sehr viele sehr reiche Inder gibt, wird also tüchtig gebaut. Der "donator" sucht sich zunächst einen spirituellen Berater, damit beim Bau nichts falsch läuft. Dann werden Bauleiter, Bauleute und Priester (pandits) angestellt. Von der Auswahl des Geländes über die Säuberung des Geländes, Grundsteinlegung, Bautätigkeit bis hin zur Einweihung haben alle Entscheidungen auch eine spirituelle Dimension. Dazu und für die Wahl der richtigen Zeitpunkte wird die Astrologie beigezogen. So ein Tempel beginnt übrigens ein paar Meter unter der Erde. Dort ruhen Gegenstände aus Edelmetall. Rund um das Tempelgeviert wird ein Kupferband eingegraben. Die Einweihung dauert mehrere Wochen, weil die "idols" (Gottesbilder) in Prozessionen herangeschafft, gewaschen und inthronisiert werden. Zum Tempel gehört Personal, das sind die pandits. Von der Einweihung an müssen täglich Zeremonien stattfinden, die Gottheiten werden verehrt, gewaschen, gefüttert, täglich neu eingekleidet.
Wer einen Tempel besucht, bringt ein Opfer mit, dh. er spendet etwas. Das soll nicht zuwenig sein. Manchmal geht von einem Tempel ein soziales Engagement aus, aber nicht immer. Eine kritische Stimme hat mir verraten, dass die Stiftung eines Tempels am Ende ein recht lukratives Geschäft sein kann...
Im Bild ein kleiner Teil des Laxmi-Tempels in New Delhi, gestiftet von der Industriellenfamilie Birla

Chai-Walla


Das inoffizielle Nationalgetränk ist der indische Tee. Die Zubereitung ist recht aufwändig. Da wird zunächst Wasser mit Teekraut (zu Körnern fermentiert - wie wir es vom Assam-Tee her kennen) und Gewürzen aufgekocht. Dann wird halb so viel Milch hinzugefügt und wieder aufgekocht. Zuletzt wird Zucker beigegeben und weiter gekocht. Die Brühe wird dann gesiebt und zwei, dreimal umgeleert. Am besten ist Chai, wenn er in einer möglichst alten Pfanne irgendwo am Strassenrand gekocht wird.
Ein Glas oder ein Wegwerfbecher Tee (ca. 1 dl) kostet in New Delhi 5 Rs, das sind rund 15 Schweizerrappen. Im Vergleich dazu kostet ein Bier 80 Rs, ein frischgepresster Fruchtsaft ca. 50 Rs, eine Flasche Mineralwasser 15 Rs und eine Coca-cola 40 Rs. Chai ist also sehr billig und ein wichtiger Nahrungsbestandteil für arme Leute.
Wie du vielleicht gelesen hast, steigt der Zuckerpreis weltweit sehr stark. Schuld daran sind schlechte Zuckerrohrernten in Indien (in Folge von Klimaerwärmung) und der regulierte Markt. Indien ist auch einer der wichtigsten Zuckerabnehmer. Der Staat hat jahreslang die Preise festgesetzt, zu tief, mit dem Resultat, dass viele Zuckerrohrplantagen aufgegeben worden sind. Jetzt wird die Privatisierung eingeleitet.
Wie reagieren die Chai-Wallas? Ein Chai kostet 5 Rs - auf der Strasse ist das schwierig zu ändern. Sie fügen einfach weniger Zucker bei. Indischer Tee ist zur Zeit nicht klebrig süss.

Donnerstag, 15. Juli 2010

Bildungsoffensive


Wenn es so etwas wie eine Bildungsoffensive gibt, dann findet sie in Indien (und vermutlich in anderen Ländern wie China) statt. In jedem von meinen bisherigen Interviews wurde die Bildung erwähnt. Wurde ich schon vor 20 Jahren auf meinen Ausbildungsgrad angesprochen (bachelior or master), so kann heute in Indien so ziemlich jeder Abschluss und jedes Diplom gemacht werden. An den Strassenrändern und in den Zeitungen buhlen die verschiedenen Anbieter (seit ein paar privatisiert) mit ihren Zertifikaten BBA, BCA, MBA, MCA, BScIT, MScIT, PGDBA, MScCs, Ph.D, M.Tech, B.Tech usw. Manche Ausbildungen haben internationales Niveau und sind direkt von einer der englischen oder amerikanischen Top-Universitäten approbiiert. Wer einen solchen Titel hat, kann nicht nur ohne Wechsel sonstwo auf der Welt weiter studieren (was mit Schweizer Abschlüssen nicht so ohne weiteres möglich ist), sondern ist auch als Lehrperson anerkannt. Diese Bildungsangebote werden nicht nur angeboten, sondern auch fleissig genutzt.
Mit Bildung lässt sich sehr viel Geld verdienen. Bildung wird hier vor allem als Auswendiglernen und Nachvollziehen verstanden. Ein Englisch-Professor hat mir kritisch erklärt, dass er jährlich die Lizenz für seine Lehrtätigkeit erneuern muss. In einem Test muss er offene Fragen beantworten. Diese Antworten werden mit der Standart-Formulierung von zehn Experten verglichen. Stimmt die wörtliche Formulierung nicht überein, gilt die Frage als falsch beantwortet.
Aus Schweizer Sicht werden aber die handwerklichen Berufe vernachlässigt. In Indien gibt es keine Berufslehre. Die Steinbearbeiter, Mechaniker, Elektriker, Sanitäre usw. arbeiten auch entsprechend schlecht. Oft habe ich Mühe, genau hin zu schauen. Die schönsten Marmorplatten, Waschbecken, Tropenhölzer werden schon zerkratzt, angebrochen, aufgerauht und wieder geflickt, noch bevor sie verbaut sind.
Indien ist auf dem besten Weg, den Europäern die Arbeiten mit hoher Bildung abzunehmen. Uns bleibt dann die Uhrmacherkunst...

Abkürzungen und Sprachenwirrwarr

Die Städter in Indien lieben Abkürzungen und Sprachwechsel. Nicht dass es nicht schon genügend Abkürzungen für jedes Amt, jeden Ausbildungsgrad und jeden möglichen Sachverhalt gibt: Ich wohne in GCA (greater Capital area), und im Hotel kann man ein "02 adjacent" (means: Two persons shall be accommodated in adjacent room, next to Your room) buchen. M'bai und Dilli-people schaffen gern neue Abkürzungen und Sprachvermischungen. Auf der Seite "htcity" (Hindustan-Times, City) stehen unter der Rubrik "DilSe" (vermutlich Delhi-Seeing) eine Reihe von Anzeigen:
  • Dear Mom and Dad, mum paa m so sorry mjhe aisa ni krna chalya tha plz 4gve me.....plz mum
  • hi Amit, love u n wnna marry u - urs love
  • dear pickachoo, i luv u a lot..mis ew :( :( :(.... widout u m incomple...luv u lotx..! ur jigglypuf..!

Mittwoch, 14. Juli 2010

Kremation heute


Auf den Wunsch eines Lesers meiner Blogs hin habe ich mich näher mit den elektrischen Krematorien auseinander gesetzt. In New Delhi gibt es 30 Krematorien, ein paar wenige davon mit eletrisch betriebenem Ofen. Eines davon habe ich besucht. Gegen ein kleines Entgelt konnte ich auch längere Zeit mit dem Geistlichen sprechen. Es gibt zwei Gruppen von Pandits: Die einen arbeiten in Tempeln, die andern (Mahapandits) sind für Todesfälle zuständig. Das sind zwei verschiedene Unterkasten der Brahmanen. Die Aufgabe und das Wissen um die Zeremonielle werden vererbt.
Die Anlage umfasste zwei Hallen (eine für den Gottesdienst, die andere zum Ruhen, Schlafen, Übernachten der auswärtigen Gäste), ein Holzlager, ein Büro, einen Brandplatz mit 34 Feuerstellen und eine Halle mit zwei elektrischen Öfen. Die Öfen funktionieren wie in der Schweiz, ausser dass die Prozesstemperatur mit Strom und nicht mit Heizöl erzeugt wird. Traditionelle Hindus sind bei der Verbrennung dabei, zumindest in der ersten Stunde, wo die Zeremonien stattfinden. Särge gibt es nicht, die Körper werden in Tücher eingewickelt. Die Kremation wird so rasch wie möglich durchgeführt, nach Möglichkeit schon am Todestag. Dauert die Identifizierung eines Toten länger, wird der Leichnam mit Eisblöcken gekühlt. Die elektrischen Öfen sind für die wenigsten Hindus ein Problem, ausser dass die Zeremonien abgekürzt werden müssen. Aufgeschlossene Ökofreaks bekennen sich zur elektrischen Kremation. Holz ist in Indien rar. Hindus aus Bihar und andere sehr traditionsgebundene Gläubige wählen immer die Holzkremation. Sie verweilen auch sechs Stunden neben dem Leichnam, bis er ganz verbrannt ist. Die Asche wird nicht in der Erde beigesetzt, sondern einem Fluss (Ganga) mitgegeben. Die Hindus haben keine Gräber für ihre Verstorbenen.
Christen und Muslime verbrennen nicht, sie haben Gräber. Da der Platz in Delhi knapper wird, überlegen sich z.B. die Methodisten, auf die Kremation umzusteigen. Die Parsen haben Türme, wo sie ihre Toten der Sonne, der Witterung und den Vögeln aussetzen. Die Parsen halten Erde, Wasser, Feuer und Luft heilig. Diese dürfen nicht durch einen Leichnam verunreinigt werden. Einen solchen Turm habe ich noch nie gesehen, sie sind für Nicht-Parsen nicht zugänglich.

New Delhi wird neu gebaut




Im Oktober finden in New Delhi die Commen-Wealth-Games statt. Die haben die Dimension der Olympischen Spiele. Letzte Woche wurde in einer Zeitung kritisiert, dass sich die baulichen Vorbereitungen verzögern würden. Am Connaught-Place (Ein Kreisel so gross wie die Altstadt Schaffhausen) hatten sie von 10 Metroaufgängen gleich 5 aufgerissen, um sie zu erneuern. Das Ganze lief offenbar ziemlich unkoordiniert, die Bauequipen behindern sich gegenseitig. Vom Verkehr ganz zu schweigen. Der kritische Artikel hat zur Folge, dass jetzt Tag und Nacht gebaut wird. Dabei werden sowohl schwere Baumaschinen als auch die blossen Hände und Füsse eingesetzt.
In Delhi wird ohnehin fleissig gebaut. Die drei neuen Metrolinien werden nicht etwa Haltestelle um Haltestelle gebaut, sondern auf der ganzen Linie gleichzeitig! Das heisst, die Linien können innert weniger Monate in Betrieb genommen werden. Auf dem Metro-plan, der in den Stationen aufgehängt ist, sind die zukünftigen Linien prospektiv schon aufgeführt. Das ist mir auch schon zum Verhängnis geworden.
Wenn ich abends die 300 Meter von der Metrostation zum Hotel zurück gehe, sieht der Weg jedesmal anders aus. Auch hier wird gebaut, wieder aufgerissen, zugeschüttet, abgesperrt, improvisiert. Beim sich ständig verändernden Stadtbild muss ich gut aufpassen, dass ich mich am nächsten Tag wieder zurecht finde.

Religionspolitik mit Gräbern

Das berühmteste Bauwerk Indiens ist das Taj-Mahal. Es ist ein Mausoleum und wurde vermutlich nie bewohnt. Die Inspiration dazu war das Grab des Hanuman (Bild) in New Delhi. Auf einer riesigen Anlage liess im 16. Jhd. die Witwe von Humayun dieses Grabmahl erstellen. Man muss sich das einmal vorstellen: Die fremden Muslime, diesmal die Mughals, hatten wieder einmal mehr die Macht in Indien übernommen. Die Hindus, Buddhisten, Jains, Parsen usw. kennen keine Gräber. Der Leichen werden verbrannt, die Asche der Ganga (einem Fluss) mitgegeben. Welches Zeichen mussten die Muslime mit ihren riesigen Mausoleen gesetzt haben? Und wofür? Wollten sie den Auferstehungsglauben (gegenüber der Reinkarnationsvorstellung) in Stein festsetzen? Viele religiöse Gruppen setzen ihre Verstorbenen in ihrer Heimat bei. Mit ihren überdimensionierten Gräbern hatten die Muslime zunächst sicher einmal demonstriert, dass sie sich in Indien daheim fühlten.

Dienstag, 13. Juli 2010

Religion und Sauberkeit


Hat die Religiosität einen Einfluss auf Ordnungssinn, Sauberkeit und Hygiene? Auf den ersten Blick nicht, aber auf den zweiten. Die Muslims kennen strenge Reinigungsriten, die nicht nur symbolischen Charakter haben - wie etwa die Taufe der Christen. Grundsätzlich waschen sich Inder häufiger als wir Europäer. Auch kleidungsmässig sind uns die Inderinnen und Inder weit überlegen. Eine Ausnahme machen die ganz armen Leute, die körperlich arbeiten, keinen Zugang zu sauberem Wasser haben und sich keine sauberen Kleider leisten können. An den heiligen Orten sieht es allerdings anders aus. Ganz auf der sauberen Seite stehen die Jains und die Bahaí's. Der glänzende Marmor wird dort gefegt, noch bevor ein Staubkörnchen darauf fallen kann. Ebenfalls auf der sehr sauberen Seite sind die Gurdhwaras der Sikhs. Die werden ständig mit viel Wasser geschwemmt, weil das Wasser im Gurdhwara heilig ist (Amrit = Nektar). Die Moscheen der Muslims lassen schon etwas zu wünschen übrig. Ganz unten sind die "local temples" der Hindus (mit Ausnahme der Harekrishna). Dort verkehren natürlich auch vor allem einfache und arme Leute. Der Dreck wird dort aber geradezu produziert. Die Opfergaben (Früchte, Blüten, Milch, süsser Brei, Blätter usw.) landen nämlich irgendwann auf dem Boden.
Alle heiligen Orte in Indien werden barfuss oder in Socken betreten (ausser die Kirchen). Bei vielen habe ich das Bedürfnis, die Füsse vorher zu waschen (wie bei den Moscheen), um auf dem Boden keine Staubabdrücke zu hinterlassen. Bei einem Hindutempel habe ich meistens erst nach dem Besuch das Bedürfnis, die Füsse zu waschen...

Montag, 12. Juli 2010

Wer als letzter lacht...


Von allen Invasoren sind in Indien die Muslime am wenigsten beliebt. Im Unterschied zu den Ariern, den Afghanen, Mongolen und Engländern hatten sich die Muslime nie um eine Integration bemüht, sondern ihre Kultur und Religion ohne Änderungen eingeführt. Ein Zeichen dafür ist "Qutab Minar", eine der ältesten Städte von Delhi. Inmitten von prächtigen Ruinen steht die älteste Moschee von Nordindien. Sultan Qutbuddin liess sie Ende 12. Jhd. errichten. Für einen Teil des Baumaterials liess er Jain- und Hindutempel plündern. Ein Akt der Macht, oder hatte er selber zu wenig Steinmetzen, oder war er Sammler? Auf jeden Fall stehen bis heute mehrere Dutzend Säulen mit Hindumotiven in der ehemaligen Moschee. Muslimen ist die Darstellung von Menschen und Tieren verboten, sie behelfen sich mit sehr schönen Ornamenten. Ironie? Unter den Hindu-Darstellungen habe ich gleich mehrere lachende Gesichter entdeckt. Die Hindu-Gottheiten scheinen über ihre Verwendung in einer Moschee zu lachen.

Sonntag, 11. Juli 2010

Das Grab von Moses: gefunden!

Ich weiss ja nicht, wie du es mit esoterischem Wissen hältst. Wenn du dich von vornherein nicht auf Verschwörungstheorien einlassen willst, dann lies nicht weiter.
Ich bin zufällig in einer Buchhandlung auf ein Büchlein über antike europäisch-asiatische Kontakte gestossen. Von Alexander dem Grossen wissen wir ja, dass er in Nordindien war. Griechische Einflüsse auf Buddhatempel entlang der Seidenstrasse wurden letzthin im Rietberg-Museum gezeigt. Auch die Legende vom Apostel Thomas in Südindien ist kaum zu entkräften. Im Raum Kashmir (Nordindien) sind Ortsnamen mit "KuSCH" sehr verbreitet, so z.B. "KaSCHmir" und "HinduKuSCH". In der Bibel wird ein Enkel von Noah mit "Kusch" bezeichnet. Gewisse Stämme im Raum westlich des Himalayas, aber auch in Chochin ganz im Süden bezeichnen sich als "Bani Israel". Auf vielen Ebenen sind Indizien für eine Verwandtschaft zu erkennen: in der Sprache, in der Essenskultur, in der Ausrichtung der Gräber u.ä. Tatsächlich gehen im Alten Testament ein paar der zwölf Stämme irgendwie verloren. Offenbar sind sie im 5. Jhd.v.Chr. nicht aus dem Babylonischen Exil nach Jerusalem zurück gekehrt. Auch der antike jüdische Schriftsteller Josephus schrieb, dass früher Juden nach Persien, Afghanistan und Nordindien ausgewandert seien.
Es kommt noch besser: Wie jeder kundige, jede aufmerksame Bibelleserin weiss, ist das Grab von Moses unbekannt. Die Aussage in 5.Mose 34/6, dass niemand sein Grab kenne, gibt Rätsel auf. Gräber von berühmten Menschen sind immer bekannt. In der Bibel werden der Berg Nebo, Beth-Pegor und ein Tal im Moab genannt. Diese drei Orte gibt es in Kashmir! Und hier wurde tatsächlich über lange ein Zeit das Grab eines Mosa, des "Buchpropheten" verehrt.
In einem der nächsten Blogs beschreibe ich euch das Grab von Jesus! Anfang August kann ich nämlich die entscheidenden Orte Srinagar, Leh und Hemis besuchen.

Samstag, 10. Juli 2010

Insignien der Sikhs


Die Sikhs sind leicht an ihren schönen Turbanen zu erkennen. Es gibt verschieden Farben und verschiedene Arten, sie zu wickeln. Ein Sikh erklärte mir, dass er jeden Morgen etwa eine Viertelstunde für das Kunstwerk aufwände.
Seit etwa dem Jahr 1700 tragen alle Sikhs fünf Zeichen dafür, dass sie "getauft" sind (sie benutzen den gleichen Ausdruck; sie trinken aber das Wasser): 1. sie lassen sich die Haare wachsen (und tragen darum einen Turban), 2. sie tragen einen hölzernen Kamm mit sich (unter dem Turban), 3. ein Schwert, 4. ein Armreif, 5. und Hosen, resp. Unterhosen ("pants").
Was aber bedeutet das? Natürlich gibt es dazu verschiedene Erklärungen. In einem Buch habe ich gelesen, dass Gobind Singh (der letzte der zehn Sikh-Gurus) eine schlagkräftige Armee habe bilden wollen. Schwert, Schlagring und Hosen gehören zu einem Soldaten. Um eine Koalition mit einer befreundeten Volksgruppe, die sich aus anderen Gründen Bärte wachsen liessen, eingehen zu können, hielt er seine eigenen Leute an, sich ebenfalls die Haare wachsen zu lassen. Der Kamm dient der Pflege.
Der Herr auf dem Bild erklärte mir sehr ausschweifend, dass das alles gar nicht stimme: Die Haare sind uns Menschen von Gott geschenkt worden. Deshalb sollen wir selber sie nicht verändern, sondern wachsen lassen und pflegen (Kamm). Das Schwert sei das Symbol der geistigen und mentalen Kraft, der Armring dagegen ermahnt uns daran, unsere Aggression zurück zu halten. Die (Unter-)Hosen seien ein Zeichen dafür, dass ein gläubiger Mensch seine Sexualität zu zügeln weiss.

"honour-killing"


Jede gesellschaftliche Bewegung hat eine Gegenbewegung. In den indischen Zeitungen wird täglich von "honour killings" berichtet. Da wird eine junge Frau oder ein junger Mann - oder gleich beide - tot aufgefunden, es wird ein Tötungsdelikt vermutet, verdächtigt werden eigene Familienangehörige. Der brutalen Tat vorausgegangen ist jeweils eine Liebesbeziehung, die nicht ins Konzept der Familie passt, d.h. der oder die PartnerIn des eigenen Kindes stammt nicht aus der genehmen Kaste. Haben bis vor kurzem die Zeitungen von Mumbai und Delhi ziemlich herablassend über die barbarischen Bräuche von "villagers" berichtet, so häufen sich in letzter Zeit aber Berichte über solche Fälle innerhalb eher armer Kreise in den Grossstädten.
Meiner Ansicht nach verbirgt sich hinter diesen furchbaren Verbrechen ein Generationen- und ein Modernitätskonflikt. Die Jungen leben in einer anderen Welt als manche ihrer Eltern. Das "cellphone", die West-Movies, das Motorrad, das heimliche Rauchen und Alkoholtrinken kann man ja noch durchlassen. Sobald aber die Zukunft der Familie betroffen ist (durch eine Hochzeit oder schon nur durch sexuelle Kontakte), geht es um Sein und Nichtsein.
Ich bin nicht sehr glücklich mit dem Ausdruck "honour killing", der verwendet wird. Zum einen haben diese Verbrechen nichts mit Ehre zu tun. Zum anderen geht es um Mord ("murder") und nicht um Tötung. Auch der deutsche Begriff "Ehren-Mord" ist nicht korrekt. Besser wäre "Traditionsmord".
Erst jetzt wird im indischen Parlament das Gesetz in der Weise verschärft, dass der Tatbestand als Mord geahndet werden kann, was sich ganz wesentlich auf das Strafmass der Täter- und Mittäterschaft aufwirkt. Ob die täglichen Berichte rückständige Familien von solchen Taten abhalten, oder ihnen umgekehrt die Option "honour killing" nahelegen, weiss ich nicht.
Aus religiöser Sicht kommen diese "honour killings" nur bei Kasten-Hindus und selten bei Muslimen vor. Die anderen Religionen wie Sikhs, Jains, Buddhisten und Christen sind im Allgemeinen zu modern und tolerant eingestellt, um einen Mord in Erwägung zu ziehen.

Donnerstag, 8. Juli 2010

niedrige Priesterklasse


Wer die Bibel liest, wundert sich über die Unterscheidung von Priestern und Leviten. In den Kommentaren heisst es, die Leviten hätten eben den niederen Priesterstand gestellt. Bei den Gruppierungen, die zum Hinduismus gezählt werden, ist dieser Priesterstand alltäglich. Neben den Gurus ("Lehrmeister"), den Sahibs und Sadhus ("Heilige") gibt es die Pandits. Die stehen entweder im Dienst eines Tempels oder einer Familie und sind immer brahmanischer Abstammung (Priesterkaste). Sie sind schlecht gebildet und nicht besonders angesehen. Man braucht sie halt für die Höhen und Tiefen des Lebens. In der Geschichte der Sikhs gab es einen längeren Konflikt zwischen den "mahands" (anderer Name für pandit) und der Sikh-Gemeinschaft. In jener Zeit hatte sich der Sikhismus noch nicht deutlich vom Hinduismus gelöst. Die Sikhtempel waren fest in den Händen der mahands, die sie ihrerseits wieder ihren Kindern vererbten. Die Tempel hatten nicht nur feste Einkommen (Opferspenden), sondern sogar Ländereien. Die mahands neigten eher zu hinduistischen Bräuchen, der reformatorische Sikhismus waren ihnen suspekt. Der Konflikt eskalierte 1921, als ein mahand 130 Sikhs in seinem Tempel einschloss und niedermetzelte. Indien war noch immer unter englischer Herrschaft. Die Engländer entmachteten und enteigneten in der Folge die mahands. Seither haben die Sikhs im Prinzip keine Priester mehr, sondern betreiben die Gurdhwaras mehr oder weniger in Freiwilligenarbeit. Wobei in einem Gurdhwara sehr viel Geld umgesetzt wird. Ein Sikh fragt nicht, was es ihm bringt, sondern was er beisteuern kann.
Im Bild Ramanpandit (das ist sein Name) vom Shiva-Tempel beim Roten Fort

Goldener Tempel in Amritsar


Der schönste religiöse Ort, den ich je gesehen habe! In Amritsar, ganz an der Grenze zu Pakistan, befindet sich das zentrale Heiligtum der Sikhs. Der Goldene Tempel ist eine recht grosse Anlage (vielleicht etwa so gross wie vier Fussballfelder), in der Mitte umgeben von einem quadratischen Wasserbecken der total vergoldete Tempel. Rund ums Wasserbecken einen ungedeckten Rundgang und dahinter eine durchgehende Säulenhalle. An diesem riesigen Innenhof schliessen sich weitere wichtige Gebäude an. Hier wird zusammen gebetet, gebadet, gegessen, gearbeitet, diskutiert. Täglich sollen rund 100'000 Menschen (!) den Ort besuchen. Die Beherbergung all dieser Leute wird ohne grössere Probleme durch Grossküche, Dininghalls und Guesthouses sicher gestellt. Das Allerheiligste, als die Mitte der Anlage, ist das Original der heiligen Schriften der Sikhs. Durchgehend kommen nur die edelsten Materialien Marmor, Gold und Wasser vor. Im Unterschied zu den Hindus und den Muslimen achten die Sikhs auf grosse Reinlichkeit im Tempel, ohne etwa Kinder in ihrem Spielen wesentlich einzuschränken. Das Ganze wird äusserst rein gehalten. Der Goldene Tempel hat vier Tore. Die Zahl steht nicht nur für die Himmelrichtungen, sondern auch für die vier Weltreligionen (vermutlich hatten sie damals beim Bau nicht ans Christentum und das Judentum gedacht - oder den Buddhismus zum Hinduismus gezählt und die Juden ausgelassen).
Für meine Arbeit konnte ich ein Interview mit vier Jugendlichen machen.

Mittwoch, 7. Juli 2010

Freundliche Bürokratie

Indien löst sich langsam von der schwerfälligen Bürokratie, die es von den Engländern geerbt hatte. Auf Relikte von alten Strukturen stosse ich aber immer wieder. So fährt Parvish (Professor an einem College) während der "unterrichtsfreien" Zeit jeden Tag zum College, nur um seine Unterschrift in ein grosses Buch zu setzen. Als Beweis, dass er an diesem Tag gearbeitet hat. Mein bisher eindrücklichstes Erlebnis war in Chandigarh, die Stadt, die von Le Corbussier konzipiert worden ist. Der "Kopf" der Stadt besteht aus drei riesigen Gebäuden, jeweils vielleicht 10 Stockwerke hoch und architektonisch sehr schön gebaut. Das sind das Sekretariat (die Ministerien), das Parlament und das Höchste Gericht. Von Le Corbussier als offen zugängliche und sehr belebte Plätze gedacht, wird das Gelände nun grossräumig militärisch abgeriegelt. Man hat Angst vor terroristischen Anschlägen, nicht ganz zu Unrecht. Besichtigen kann man das aber trotzdem - mit den entsprechenden permits. Ein befreundeter Sikh wollte mir das Gebäude zeigen. Immerhin leitete er bis vor ein paar Jahren das offizielle Tourismus-Büro von Chandigarh, hat heute ein eigenes Reisebüro und verfügt nach wie vor hervorragende Kontakte. Von der zweiten Strassensperre wurden wir abgewiesen. Wir fuhren dann in die Stadt zurück ins Büro des Nachfolgers meines Führers. Nach einer halben Stunden Geplauder, ein paar Gläsern Tee und Fotokopien meines Passes erhielten wir - kostenlos - drei schriftliche permits, namentlich ausgestellt auf uns. Vermutlich ist das Ausstellen dieser permits eine der Hauptbeschäftigungen des Leiters des Fremdenverkehrsamts. Damit fuhren wir wieder zum Regierungsviertel zurück. Die Permits mussten wir dort in Badges austauschen, es war aber gerade Mittagspause. Nach einigen Diskussionen wurde das Besuchsprogramm dann umgestellt, sodass wir nicht länger warten mussten. Oder damit die Leute dort die Mittagspause ungestört verbringen konnten. Im Parlamentshaus, es war keine Session, wurden wir persönlich begleitet. Dann war die Mittagspause um . Für die Badges wurden wir fotografiert und ich musste nochmals meinen Pass zeigen. Damit gelangten wir bis vor das Gebäude. Dort wurden nochmals mein Pass mit dem Badge und mit dem permit verglichen. Dann wurden wir abgetastet und einem Soldaten in Uniform und modernen Waffen übergeben. Dieser führte uns nun nicht etwa direkt aufs Dach, von wo aus wir die schöne Aussicht geniessen sollten, sondern zunächst in den 6. Stock in eines der vielen Grossraumbüros. Das ist schlimmer als in jedem Film. Dort stehen eng beieinander antike Tische, auf denen sich Stapel von zerfledderten Dokumenten türmen. Dahinter Inder in Anzug und Cravatte. Eine AC hatte es nicht, dafür jede Menge Propeller, welche jedes nicht beschwerte Papier herumwirbeln. In der Mitte ein finster dreinblickendes Alphatier, das seinen Job kaum seiner Leistungen oder Kompetenzen gekriegt hat. In diesem Büro, alle sehr freundlich, mussten wir nochmals 20 Minuten sitzen, dieses Mal ohne Tee oder Wasser. Dann erhielt ich alle meine Dokumente wieder zurück und wir konnten endlich aufs Dach des Gebäudes. Die Aussicht war eher mittelmässig. Apropos: Alle Lifte hatten Liftboys, deren einzige Aufgabe das Drücken der Knöpfe ist...

Reiseroute

14. bis 27. Juni: Mumbai

18.+19. Juni: Srirampur, zusammen mit der Gruppe SPROUTS (Umweltschutz-Bildung)

20. Juni: Shirdi (Wallfahrtsort von Saibaba)

28. Juni bis 1. Juli: Chandigarh (die von le Corbussier geplante Stadt)

2. bis 4. Juli: Dharamsala-Mcloadgunj (Exil von Dalai Lama und weiteren Tibetern)

5.+6. Juli: Amritsar (Goldener Tempel der Sikhs)

7. bis 25. Juli: Delhi

18.-21. Juli: Ausflug nach Haridware (Pilgerort) und Rishikesh (dort hatten die Beatles meditiert, herausgekommen war das Weisse Album)

Den Aufenthalt in Srinagar gebe ich auf, die Unruhen dort sind zu gross. Ich würde eine Ausgangssperre riskieren und möchte meine Tage nicht in einem Hotel verbringen.

22. Juli: Flug nach Mumbai

event. ein paar Tage in Goa (nicht am Strand, sondern im Landesinnern)

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weiteres Programm noch offen wegen Visa-Problemen

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1. bis 15. Aug: Trek zusammen mit Anand und weiteren Leuten durch Ladakh (nördlichster Staat von Indien), ausgehend von Shrinagar

16. Aug bis 4. Okt: Mumbai

ein paar Tage in Goa

ein paar Tage in Pune

4. bis 21. Okt: Familienferien: Mumbai – Bharatpur – Delhi – Khajuraho – Bhandavgarh - Mumbai

Samstag, 3. Juli 2010

Gurdhwara



Die Tempel der Sikhs heissen Gurdhwara, übersetzt etwa „das Tor des Guru“ oder „Weg des Lehrers“. Die Sikhs sind eine Religionsgemeinschaft, die vor allem in Nordindien weit verbreitet sind. Der Sikhismus ist vor einigen Jahrhunderten vom Profeten Nanak als eine Art Reformation des Hinduismus ins Leben gerufen worden. Die Sikhs legen Wert auf die eigene Arbeit und die Gastfreundschaft, sie lehnen Bilder und Statuen ab und sind leicht an ihren schönen Turbanen zu erkennen. In ihrer heiligen Schrift finden sich Texte von verschiedenen Profeten, auch von Mohammed. Ich bin gern in den Gurdhwaras zu Gast, denn da bin ich immer herzlich willkommen. Jedem Gurdhwara-Besucher wird ein einfaches Essen offeriert.
In Chandigarh konnte ich mit dem Präsidenten der lokalen Sikhgruppe sprechen. Er erkennt viele Veränderungen zu früher. Die Leute hätten mehr Freiheiten und verdienten viel mehr als noch vor 20, 30 Jahren. In seinem Gurdhwara führe das zu mehr Besuchen, zu mehr Spenden und zum Ausbau von Gebäulichkeiten und Angeboten. Die Mitglieder seien heute aber auch anspruchsvoller. Auch auf der religiösen Ebene erwarten sie eine bessere Ausbildung für ihre Kinder. Mit der Verwestlichung habe er keine Mühe, sie höre am Tempeleingang auf. Denn im Tempel gelten nach wie vor die strengen Kleidungsvorschriften und Benimmregeln. Die offenen Sikhs haben mit interreligiösen Ehen keine Mühe. Sie laden auch Kinder von anderen Religionen in ihren Unterricht ein.
Politisch sind die Sikhs immer wieder unter die Räder gekommen. Die muslimischen Eroberer hatten sie unterdrückt. Nach der Teilung von Indien lebten im indischen Teil des Panjabs sehr viele Sikhs. Ein paar Extremisten forderten einen unabhängigen Sikh-Staat, was aber von Indira Gandhi verhindert wurde, weil diese Sikhstaat sehr rasch von Pakistan annektiert worden wäre. Heute ist der Panjab die Kornkammer Indiens.
Auf dem Bild ein neues Gurdhwara, irgendwo an einem kleinen Flecken bei einem Staudamm.

Chandigarh


Es ist faszinierend, in einem Kunstwerk herum zu gehen. Das ist in Chandigarh der Fall. Die Stadt wurde vor 55 Jahren vom Schweizer Künstler Le Corbussier entworfen und nach seinen Vorstellungen gebaut. Auf der Schweizer 10er-Note findest du nicht nur ein Bild von Le Corbussier, sondern auch von einem seiner Gebäude. Das steht in der nordindischen Stadt Ghandigarh.
Durch die Teilung von Indien und Pakistan wurde auch der Panjab geteilt. Der südliche Teil verlor dadurch seine Hauptstadt. Da sich keine der bestehenden Städte eignete, beschloss der Premierminister, eine neue Stadt zu bauen. Le Corbussier erhielt schliesslich den Auftrag, stellte aber Bedingungen, die bis heute erfüllt werden. So steht Ghandigarh z.B. unter direkter Verwaltung von Delhi und ist von den beiden Staaten Panjab und Harjan, von denen beiden sie heute Hauptstadt ist, unabhängig. Le Corbussier wollte, dass jeder Mensch einen Platz an der Sonne, an der frischen Luft und im Grünen erhält. Infrastruktur und Verkehrswege sollten von Anfang an optimal auf die Bedürfnisse der Menschen abgestimmt werden. Seine Lösung sind die Sektoren. Die Stadt besteht aus rund 80 Sektoren, die alle 800m breit und 1200m lang sind. In der Mitte jeden Sektors finden sich Läden, ein Kino usw., alles für den täglichen Gebrauch. Darum herum stehen Schulhäuser, Sportplätze, Kinderspielplätze in einer Grünzone. Und dann kommen die Wohnhäuser, die höchstens 3 Stockwerke hoch sein dürfen und über einen eigenen Garten verfügen. So hat jede Familie Zugang zu Sonne, frischer Luft und Grünland. Im Idealfall ist der Sektor mit einer Mauer umgeben, die Erschliessung erfolgt über vier Eingangstore jeweils in der Mitte. Es gibt 7 Strassentypen, wobei seit ein paar Jahren noch Fahrradwege als 8. Typ dazu kommen. Zwischen den Sektoren befinden sich richtungsgetrennte Schnellstrassen, die grosszügig in einer Allee geführt werden. Alle 800, resp. 1200 Meter stösst man auf ein Rondell. Die nicht-alltäglichen Bedürfnisse wie Verwaltung, Universität, Spitäler, Industrie, künstlicher See u.ä. sind am Rand in speziellen Sektoren angesiedelt. Le Corbussier hat in einem Codex noch eine Reihe von weiteren Massnahmen zur Sicherung der Lebensqualität festgehalten. So gibt es z.B. keine Statuen, weil die Zeit des Personenkults vorbei sei. Viele wichtige Gebäude von der Verwaltung bis hin zum Normhaus für einfache Leute sind von Le Corbussier selber gezeichnet worden.
Das Ganze ist tatsächlich ein Kunstwerk. Die Lebensqualität ist wirklich beeindruckend, der Verkehr fliesst, die Leute haben Raum und Freiräume, die Entwicklung ist in keiner Weise gehemmt. Ich bin vier Tage lang durch die Stadt gepilgert. Aber irgendwie fehlt mir doch etwas. Da ist alles rechtwinklig, da ist nichts gewachsen, da gibt es keine biologische Formen. Aufgefallen ist mir das erst im Garten der Kunstakademie. Ich habe dort ausschliesslich menschliche, runde und verspielte Formen gefunden. Mit einem der Künstler habe ich länger gesprochen. Er liebt Chandigarh, in keiner Stadt seien die Leute so kunstbewusst wie hier.